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Um's mal genau zu nehmen, gibt es zwischen Frankreich und Deutschland doch ziemlich viele Unterschiede. Natürlich sind da einige ganz offensichtlich, auch bekannt, aber wenn man sich dann mal genauer Gedanken drum macht, tauchen da doch die verwunderlichsten Dinge auf.
Fangen wir mal mit der Schule an. Hier verbringt man in Frankreich schliesslich so gut wie den ganzen Tag, abgesehen von den Schülern, die nicht das Lycée besuchen. Sie haben "schon" um 16h00 frei und mittwochs gar keinen Unterricht.
In der Schule angekommen, um ca. 8h00, nach einer häufig bis zu einer Stunde dauernden Busfahrt, ist man dann doch meistens noch ziemlich gerädert.
"Bisous, bisous" geht dann erstmal durch die Reihen. Das ist zwar ein netter Empfang oder eine nette Begrüssung, die es in Deutschland so leider selten gibt. Aber irgendwann hört dann doch der Spass auf. Spätestens, wenn die Freundin der Freundin der Freundin sich übergangen fühlt, da sie keinen Kuss abbekommen hat. Dabei kennt man sie gar nicht oder nur vom Sehen....
Nun ja, der Unterricht fängt an - 55 Minuten. Am Anfang ist auch das ein bisschen ermüdend, wo er bei uns in Deutschland doch immerhin 10 entspannende Minuten kürzer ist, aber man gewöhnt sich dran. Die Tatsache jedoch, dass mit Ausnahme des Mittwochs jeden Tag bis abends unterrichtet wird, ist und bleibt etwas, mit dem man sich nur schwer zurecht findet. Da loben wir doch das deutsche Schulsystem, das einen Schultag bis13h00 mittags vorgesehen hat.
Das schliesst jedoch eine nette, wenn auch nicht unbedingt gaumenfreundliche Einrichtung, die Kantine, aus. In Deutschland wird in der Regel zu Hause zu Mittag gegessen. Bevor wir damit zu schnell zum nächsten Thema kommen, müssen wir aber noch die restlichen Unterschiede des Schulsystems erklären.
So gibt es hier auf dem Lycée zum Beispiel nur drei Jahrgänge, während es bei uns auf der Schule, dem Mariengymnasium, ganze sieben sind. Die Klassenanzahl eines Jahrganges ist auch viel grösser. Bei uns gibt es ausserdem ein Schuljahr mehr, an dessen Ende jedoch, wie auch hier, eine Abschlussarbeit geschrieben wird (Abitur/ bac).
Auch die Gestaltung des Unterrichts, ist so verschieden, wie man es sich nur vorstellen kann.
Hier werden viel mehr Arbeiten geschrieben als in Deutschland, teilweise auch unangekündigt. Dafür zählt bei uns die mündliche Beteiligung weitaus mehr als das Schriftliche, wogegen hier so gut wie keine Beteiligung besteht. Den Grossteil der Zeit ist der Lehrer mit Erklären und Diktieren im Gange und wenn dann endlich mal eine Frage gestellt wird, reden alle durcheinander. Wahrscheinlich liegt es auch an dieser Art der Unterrichtsgestaltung, dass Fremdsprachen nicht so gut vermittelt werden können. Einen Franzosen zu treffen, der einigermassen akzentfrei und fliessend Englisch spricht, ist wirklich eine Seltenheit. Da steht man als Deutscher im Englischunterricht regelrecht als Sprachgenie da.
Im Weiteren gibt es dann hier in Frankreich Fächer, von denen man noch nie etwas gehört hat, wie zum Beispiel S.E.S. & E.C.J.S. Bis heute wissen wir beide nicht einmal wirklich, worin die sich unterscheiden. Dagegen stehen bei uns Fächer wie Politik und Religion auf dem Lehrplan, Geschichte/ Erdkunde, sowie Physik/ Chemie sind getrennt unterrichtete Fächer und, und, und......
Im Allgemeinen haben französische Schüler mehr Respekt vor den Lehrern. Das mag nicht daran liegen, dass die Lehrer strenger sind, die Schüler sind vielleicht nur disziplinierter. Auch findet eine strengere Kontrolle der Schüler statt, zum Beispiel an der Bushaltestelle. Etwas anderes, was normalerweise ja ganz angenehm ist, sind die ganzen Freistunden, die man über den Tag verteilt hat. Während man hier in der Regel "mindestens" eine pro Tag hat, sind sie bei uns wirklich eine Seltenheit, treten vielleicht einmal pro Monat auf. Fehlt nämlich ein Lehrer und kann kein Ersatzmann gefunden werden, läuft es fast immer darauf hinaus, dass alles ein wenig arrangiert wird und man früher schulfrei hat oder eben erst später anfängt. Manchmal ist das wirklich angenehmer, als für zwei stattfindende Schulstunden von morgens bis 18h00 abends in der Schule zu hocken, wie es hier durchaus passieren kann.
Die Belohnung für all diesen Stress fällt allerdings aus deutscher Sicht "gigantisch" aus: Zwei volle Monate Sommerferien. Da hüpft das Herz. Bei uns sind es klägliche 6 Wochen, wobei die Gesamtwochenzahl der schulfreien Tage wohl in Frankreich und Deutschland nahezu identisch ist.Diese lange Zeit muss wirklich ein Segen sein, da die französischen Schüler im Sommer all das nachholen können, wozu sie während des Schuljahres nicht kommen. Ein Schultag bis 18h00 stellt ja nicht gerade viele weiter Wege offen.
Trotzdem gibt es einige Ausdauernde unter ihnen, die sich noch spät am Abend aufrappeln, um Sport zu betreiben etc.
Noch einWort zur Schule: Der natürliche Trieb, sich als Mädchen an einen Jungen zu binden und umgekehrt, ist auch von den Franzosen entdeckt worden und wird natürlich auch ausgelebt. Wenn jedoch der Partner nicht auf die selbe Schule geht, wird es automatisch eine Wochenendbeziehung, was ihr auf keinen Fall gut tut. Verständlicherweise sucht man sich seine Freunde deshalb im unmittelbaren Umfeld, der Schule. Doch da bleiben einem auch nur die Pausen, eventuelle gemeinsame Freistunden und der Mittag. Viel Zeit und Ruhe für interessante und tiefe Gespräche hat man dann allerdings auch nicht, was dazu führt, dass man in der Schule sehr viele Paare öffentlich knutschen sieht.
Andererseits ist damit auch der letzte Rest Zeit, den man mit seiner Familie verbringen kann, geraubt. Ausser morgens zum Frühstück und dann eben zum Abendbrot bekommt man sie ja auch nicht zu Gesicht. Allerdings wird sich hierbei, zumindest am Abend, ziemlich viel Zeit gelassen.
Eine Mahlzeit besteht meistens aus drei Gängen - das kommt bei uns wirklich selten vor - Entrée, plat de résistance und dessert...
Als erstes ist uns dabei aufgefallen, dass die Franzosen ihr Klischee mehr als zu genüge erfüllen! Baguette, baguette; überall, wo man geht und steht, liegt es, wird mit sich rumgetragen oder eben einfach gegessen. Vor und nach dem Essen, mit oder ohne Käse, Pastete, wie es halt beliebt! Bei uns in Deutschland hingegen, wird es nur selten mal gekauft und an seine Stelle tritt frisches Brot. Korbbrot, Körnerbrot...
Allerdings wird es selten zusammen mit dem warmen Essen serviert. In fast allen deutschen Haushalten isst man dagegen im wahrste Sinne zu "Abend-brot". Soll heissen, nichts als Brot mit Aufschnitt. Es fällt also etwas kleiner aus, als es hier der Fall ist. In Folge dessen wird auch klar: Es gibt in der Regel nur eine warme Mahlzeit pro Tag. Wenn man also nach Frankreich kommt und sich nicht zurückhalten kann, hat ein "schwerwiegendes" Problem. Die französische Küche ist nur gut. Wobei die deutsche nicht unbedingt schlechter, sondern einfach, wie so vieles andere auch, anders ist. Natürlich ist das hier ebenfalls von den jeweiligen Regionen abhängig, aber in unseren Familien ist uns aufgefallen, dass weniger gesalzen wird.
Was ausserdem auch verwunderlich ist, jedoch wohl weniger mit dem Geschmack zusammenhängt, ist die Tatsache, dass noch in vielen Küchen Gasherde benutzt werden, während bei uns fast nur noch Elektroherde vorzufinden sind.
Ansonsten lässt sich aber sagen, dass die Franzosen genau solche Kartoffel-Nudelfanatiker sind wie wir. Auch Fastfood kommt in beiden Kulturen ab und zu auf den Tisch. Was fehlt, ist jedoch ein wenig frisches Gemüse, dessen Vorkommen man sich hier doch an beiden Händen abzählen kann. Dafür wird wesentlich mehr herkömmliches Leitungswasser getrunken, wobei eine Flasche Wein auch nie fehlen darf. Eigentlich traurig, aber bei uns gibt's die nur zu besonderen Anlässen.
Auch morgens gibt es hier andere Sitten. Es ist zum Beispiel nicht selten, sein Brot direkt auf der Tischplatte zu essen, ohne Untelage, einfach so. In Deutschland gibt es auch am Morgen Teller oder zumindest Bretter. Aufschnitt, wie wir ihn kennen, Wurst und Käsescheiben, wird überhaupt nicht seviert und schon gar nicht zum Frühstück. Nur süsse Sachen, wie Marmelade und Nutella, stehen in Frankreich griffbereit, während bei uns für alle Geschmäcker aufgedeckt wird.
Das Meiste wird normalerweise bei "Super U", "E-Leclerc" oder "Carrefour" gekauft. Solche grossen Supermärkte findet man in Deutschland nicht allzu oft und wenn, dann nur in grösseren Städten. Auch gibt es in jedem kleinen Dorf eine Patisserie und eine Charcuterie. Was hier jedoch einen Ort ausmacht, sind die Kirchen, die fast überall gleich aussehen.
Meistens besteht ein Ort aus nicht viel mehr als 2000 Einwohnern, was zur Folge hat, dass viele Leute auf dem Land wohnen. Für die Jugendlichen bedeutet das geringere Mobilität, für die Eltern zwei Autos, da die Frau nicht aus dem Haus kann, wenn der Mann arbeiten geht. Das Auto ist hier also eine Notwendigkeit und das wichtigste ist, dass es fährt. Wie es aussieht ist Nebensache. Deshalb klappern hier sehr viele Fahrzeuge rum, die man in Deutschland nur auf der Müllhalde finden würde.
Es wird sowieso kein so grosser Anspruch auf Aussehen und an möglichst neue Bequemlichkeiten gelegt.
Von aussen betrachtet sehen die Häuser ziemlich ärmlich aus, architektonische Arbeiten muss man wirklich suchen. Im Inneren eines Gebäudes ist jedoch fast alles wie bei uns, nur die Toilette befindet sich oft nicht im Badezimme, sondern nebenan.
In seiner Freizeit liebt der Franzose es, in Trainingsanzug und Turnschuhen herumzulaufen. Da ihm jedoch nicht viel freie Zeit bleibt, findet man selbst in der Schule viel bequeme Kleidung und nicht selten entdeckt man, dass jemand eine Woche lang dasselbe trägt. Die derzeitige Mode tendiert in Richtung Hippie-Ökolook. Wenn also kein Trainingsanzug vorhanden ist, greift man auch gern mal zu knallbunten gestrickten Pullovern, zusammengeflicken Schlaghosen, Cordhosen, wollenen Mänteln oder Jacken und in allen Farben leuchtenden Schals. Bei uns würde man jemanden, der sich so kleidet, auf hundert Meter Entfernung sehen, hier jedoch fällt das gar nicht so auf. Und wenn man sich nicht durch die Klamotten etwas Anerkennung schaffen kann, dann eben durch Rauchen und Alkohol. Das hat zur Folge, dass viele schon in frühem Alter anfangen. Da im Ort selbst keine Lehrer anzutreffen sind, wird in den Freistunden fleissig getrunken.
Zur Musik lässt sich sagen, dass im Radio viele englische, mehr aber noch französische Lieder laufen (deutsche Lieder kennt man hier nicht, so wie auch in Deutschland französische nicht aktuell sind). Auch gibt es hier sehr viel Rapmusik, mehr als wir es gewöhnt sind. Im Fernsehen kann man sich einiges an deutschen Serien und Filmen ansehen. Sogar manche Sender sind deutsch z.B. RTL, Sat1, ARD, ZDF...
Nebst Büchern werden hier auch sehr häufig Comics gelesen. Selbst bei älteren Franzosen sind sie sehr beliebt. Für uns Deutsche ist das recht praktisch, denn Comics sind leicht zu verstehen.
Obwohl hier in der Gegend die meisten Familien katholisch sind und man, wie schon gesagt, in jedem Ort eine Kirche findet, werden die kirchlichen Feste wie Weihnachten nicht so gross gefeiert wie in Deutschland. Die Adventszeit und auch der Nikolaustag scheinen keine weitere Beachtung zu finden. Für uns ist der Weihnachtmarkt in Nantes ziemlich klein, wobei er für die Einwohner schon einer der grösseren ist.
Auf Ausländerfeindlichkeit und Rassismus - auch auf den Zweiten Weltkrieg bezogen - sind wir während unserer Zeit in Frankreich glücklicherweise nicht gestossen und sind gegenteilig überall lieb empfangen worden.
Wir sind froh, ein bisschen mehr Einblick in das Leben, vor allen Dingen als Schüler, in Frankreich bekommen zu haben und werden auf jeden Fall jede Menge neue Erfahrungen und Eindrücke mit nach Hause nehmen.
(Dorothee O. und Katrin L aus dem Gymnasium in Schortens, 2000)
allemand - Rectorat de l'Académie de Nantes