- Pédagogie - lycée -


Baccalauréat général - Session de septembre 2004 - Allemand LV1 - séries ES/S - durée : 3 heures  

 

Die Erzählerin Eva, die in Lilienthal wohnt, erinnert sich

Nein, über meine Kindheit kann ich mich wirklich nicht beschweren, die war so harmonisch - und deshalb vielleicht auch ein wenig langweilig - wie wohl sehr viele Kindheiten in halbwegs friedlichen Zeiten. Wenige Tage nach meinem zwölften Geburtstag aber bekam mein Gänseblümchen-Dasein (1) den ersten Riss. Da saß an den Abenden auf einmal ganz Lilienthal vor dem Fernseher und besonders Vater, von Beruf Buchhändler und nicht gerade ein Freund der Glotze (2) , war davon nicht wegzukriegen. Fragte ich, was denn los sei, hörte ich immer nur: „Die Mauer ist gefallen", und blickte in lauter glückstrahlende Gesichter.

Natürlich wusste ich, was damit gemeint war, diese übergroße Freude aber konnte ich nicht so recht verstehen. Was ging uns Lilienthaler denn die Berliner Mauer an? Die war doch weit weg, die hatte es für mich immer nur im Fernsehen gegeben. Vaters Gesicht jedoch verriet mir, dass wirklich etwas Großes, Weltbewegendes passiert sein musste. Er glühte und schwitzte und berlinerte so sehr, dass ich ihn kaum noch verstand.

Ein, zwei Wochen später, während eines gemütlichen Abendessens in der Küche - wo fast alle wichtigen Familiengespräche stattfanden -, erfuhren wir dann seine Geschichte. Und von da an war es mit meiner so ordentlich aufgeräumten Kinderwelt vorbei.

Dass Vater Berliner war, hatten wir immer gewusst; ob West- oder Ost-Berliner, darüber hatten Bastian und ich gar nicht erst nachgedacht. Wer im Westen lebte, musste aus dem Westen kommen, das war doch klar. Also hatten wir dazu nie eine Frage gestellt und auch Vater hatte von sich aus nie etwas erzählt. Jetzt erfuhren wir, dass er in Ost-Berlin aufgewachsen war und als Achtzehnjähriger von dort fliehen wollte - und das unter Lebensgefahr, über Mauer, Stacheldraht (3) und Todesminen hinweg!!!

Ich weiß noch genau, wie ich sofort ein ganz komisches Gefühl verspürte. So, als hätte ich insgeheim schon immer geahnt, irgendwann einmal eine ganz furchtbare Wahrheit erfahren zu müssen; als wäre eine so heile (4) Welt, wie ich sie bisher erlebt hatte, auf Dauer gar nicht  möglich.

Bastian ging es ähnlich. Fassungslos starrten wir unseren Vater an, diesen riesigen Mann mit dem so vertrauten, gutmütigen Gesicht. Seine sonst immer freundlich blickenden, weichen Augen prüften uns nachdenklich. Wir aber stellten keine einzige Frage, guckten nur verunsichert.

„Weshalb ich damals von dort weggewollt habe?", fragte er sich an unserer Stelle. Und er gab auch gleich die Antwort: Weil er mit dem Leben in Ost-Berlin und vor allem mit seinem Vater nicht mehr einverstanden war. Er galt bereits in der Schule als „auffällig" und rebellisch und wurde deshalb nach dem Abitur nicht zum Studium zugelassen. Er, der Theaterwissenschaft und Germanistik studieren wollte, sollte erst in einem Kabelwerk, im Kollektiv, unter Arbeitern seine Erfahrungen machen. Das wollte er nicht, deshalb der Fluchtversuch.

Bastian und ich, wir hörten uns alles an und nickten nur still, wie um Vater zu verstehen zu geben, dass wir ihn verstanden. In Wahrheit begriffen wir seine Geschichte so wenig, wie man einen Kometeneinschlag (5) begreifen kann. Da war aus heiterem Himmel etwas auf uns herabgestürzt, von dem wir noch nicht wussten, welche Folgen es für uns haben würde - also machte es uns Angst![ ... ]

Mit dieser, von Vater noch immer unbewältigten (6) Vergangenheit sollten Bastian und ich nun leben. Das war ein bisschen viel verlangt. Bis zu jenem Tag der Wahrheit hatten wir ja nichts von der Flucht gewusst, wir hatten auch von diesem Berliner Opa namens Robert noch nie etwas gehört; Vater hatte ja immer so getan, als lebte von seiner Familie niemand mehr. Also war, seit wir denken konnten, allein Mutters Vater unser Großvater, Mutters Mutter unsere Großmutter. Beide lebten in Bremerhaven und gehörten zu uns, wie Großeltern nun mal zu ihren Enkelkindern gehören. Dass wir auch in Berlin Verwandte hatten - neben Robert noch seine West-Berliner Geschwister -, war uns verborgen geblieben.

Nach Klaus Kordon, Hundert Jahre & ein Sommer, 1999

 

  1. das Gänseblümchen-Dasein: métaphore désignant une existence insouciante (das Gänseblümchen :la pâquerette)
  2. die Glotze (fam.) : das Fernsehen
  3. der Stacheldraht: les barbelés
  4. heil :intact, indemne
  5. der Kometeneinschlag : l'impact d'une comète sur la terre
  6. unbewältigt : non assumé

C OMPREHENSION  sur 10 points

I. Richtig oder Falsch? Kreuzen Sie an und begründen Sie Ihre Antwort mit einem Zitat.

  1. Abends sitzt der Vater immer gern vor dem Fernseher.  Richtig  Falsch  

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  1. Die Erzählerin hat sich schon immer für die Berliner Mauer interessiert.  Richtig  Falsch

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  1. Der Vater hat seine Kindheit in der DDR verbracht. .  Richtig  Falsch  

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  1. An diesem Abend antwortet der Vater auf die Fragen seiner Kinder. .  Richtig  Falsch  

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  1. Da der Vater kein disziplinierter Schüler war, hat er das Abitur nicht bestanden. .  Richtig  Falsch  

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  1. Der Vater hat in einem Kabelwerk gearbeitet. .  Richtig  Falsch  

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  1. Die Kinder glaubten, dass die Eltern des Vaters schon gestorben waren.  Richtig  Falsch  

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II. . Bringen Sie folgende Ereignisse in die richtige chronologische Reihenfolge.

a. Der Fall der Mauer
b. Die Flucht des Vaters
c. Der 12. Geburtstag der Erzählerin
d. Der Bau der Mauer  
e. Das Abendessen in der Küche
f. Die Geburt der Erzählerin

1 2 3 4 5 6
           

III. . Zitieren Sie jeweils zwei Stellen, die zeigen, wie wichtig der Fall der Mauer ist:

für den Vater:

1. ...................................................................................................................................................

2. ...................................................................................................................................................

für die anderen Lilienthaler:

1. ...................................................................................................................................................

2. ...................................................................................................................................................

 

IV. Dieses Ereignis war für die Kinder von großer Bedeutung. Zitieren Sie

a) vier Ausdrücke, die das Leben der Kinder vor diesem Abend charakterisieren:

1. ...................................................................................................................................................

2. ...................................................................................................................................................

3. ...................................................................................................................................................

4. ...................................................................................................................................................

 

b) vier Stellen, die zeigen, wie groß der Schock für die Kinder ist:

1. ...................................................................................................................................................

2. ...................................................................................................................................................

3. ...................................................................................................................................................

4. ...................................................................................................................................................

 

V. Übersetzen Sie von  „Dass Vater Berliner war. ... "     bis      "... . von dort fliehen wollte"        ins Französische.

 

EXPRESSION  sur 10 points  

 I. Bastian erzählt in seinem Tagebuch von den Ereignissen der letzten Tage. Schreiben Sie seinen Bericht und beachten Sie dabei folgende Angaben. (etwa 120 Wörter)

- Le garçon fait le récit de ce qu'il a vécu ces derniers jours. - Il exprime sa grande surprise.

- Il dit son admiration pour son père.

- Il imagine les conséquences de ces bouleversements sur sa vie future.

II. Behandeln Sie eines der beiden Themen. (mindestens 130 Wörter)

a) Warum hat der Vater Ihrer Meinung nach bis zu diesem Abend den Kindern nichts von seiner Vergangenheit erzählt?

oder

b) Was könnte Sie dazu bewegen, Ihre Familie und Ihre Freunde zu verlassen?